Taiwans wunderbarer (nun weltberühmter) Waschsalon

Gruppenbild vor dem Waschsalon

Die Senioren-Models aus der Wan-Sho-Wäscherei in Taiwan und ihre von den Kunden vergessenen Kleidungsstücke: Hunderttausende haben dieses Paar auf Instagram ins Herz geschlossen. Wir haben sie ins deutsche Fernsehen gebracht. Dies ist ihre Geschichte.

Ein Ehepaar, beide über 80, findet die Lebensfreude wieder. Dank ihres aus der Ferne heimgekehrten Enkels, der sie mit Methoden des 21. Jahrhunderts wachrüttelt – und gleichzeitig seine eigene Kindheit bei den Großeltern wieder entdeckt.

Es ist eine Geschichte, die um die Welt geht. Die viele Menschen rührt, oft sogar zu Tränen. Dabei geht es um ganz normale Leute. Was macht sie so besonders?

Besuchen wir sie doch mal zuhause.

Die Wan-Sho-Wäscherei mitten in Taiwan

Houli ist ein Städtchen in Zentraltaiwan mit etwa 50.000 Einwohnern, heute eingemeindet in die Metropole Taichung. Viele junge Leute zieht es zum Arbeiten raus aus dem Ort. In der “Westdorfstraße”, einer der ältesten, wo noch Gebäude aus der japanischen Zeit stehen, findet sich der Wan-Sho-Waschsalon.

Die Wäscherei ist das Zuhause von Chang Wan-ji und Hsu Sho-er, und auch ihr Arbeitplatz. Hier nehmen sie Kleidung entgegen, waschen und trocknen sie. Hier haben sie ihre Familie gegründet und aufgezogen. Chang ist 83, seine Frau (die, wie in Taiwan üblich, nicht den Nachnamen des Mannes trägt), feierte kürzlich ihren 84. Geburtstag.

Beide haben als Kinder noch den Krieg miterlebt, auch den Fliegeralarm, wenn amerikanische Bomber kamen. Hsu, die etwas Ältere, ging unter den Japanern noch ein Jahr zur Schule. Chang konnte erst nach dem Krieg eingeschult werden. Muttersprache für beide ist Taiwanesisch, nicht Mandarin.

Sie sind seit 61 Jahren verheiratet. Ein schmuckes Brautpaar waren sie 1959. Hsu hätte damals Beamtin werden können, die Aufnahmeprüfung hatte sie schon bestanden. Aber die gemeinsamen Pläne ließen sie einen anderen Weg einschlagen.

Eine Wäscherei als Familienunternehmen

Schon 1951, als er gerade 14 war, hatte Chang mit Hilfe von Verwandten sein erstes Wäscherei-Geschäft eröffnet. 1965 bezog das junge Ehepaar das Haus, in dem sie heute noch leben. Den Wan-Sho-Waschsalon benannten sie nach einer Kombination ihrer Vornamen.

Sie haben zwei Söhne, zwei Töchter und sechs Enkelkinder. In der Wäscherei hängt ein Foto von ihrer Goldenen Hochzeit. Das ist nun auch schon wieder elf Jahre her.

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Erst seit den 1980er Jahren, als ein Ende des jahrzehntelangen Kriegsrechts abzusehen war, können Taiwaner als Touristen ins Ausland reisen. Als die beiden um die 50 waren, machten sie davon Gebrauch und bereisten im Lauf der Zeit Amerika, Japan, Europa und Australien.

Aufgewachsen in der Wäscherei von Oma und Opa

Einer der Söhne lebt noch mit im Haus, hilft auch oft in der Wäscherei mit, hat aber eine andere Arbeit. Dessen Sohn wiederum, Reef Chang, Jahrgang 1989 und auf dem Foto oben der Ältere, spielt nun eine zentrale Rolle in unserer Geschichte.

Reef und sein Bruder wuchsen in dem Haus in der Westdorfstraße auf. Weil die Eltern arbeiteten, waren es meist Oma Sho-er und Opa Wan-ji, zu denen sie von der Schule heimkamen und die Essen auf den Tisch brachten.

Später studierte Reef Kunstmanagement. Als es 2012 um ein Filmprojekt für sein Studium ging, musste er wohl nicht lange überlegen – er drehte eine liebevolle kleine Dokumentation über seine Großeltern und ihre Wäscherei.

Sei Zuhause hat er aber, wie so viele in Houli und anderen kleinen Orten Taiwans, hinter sich gelassen. Das Leben ging woanders weiter. Während Oma und Opa weiter ihre Wäscherei am Laufen hielten, arbeitete Reef zuletzt zwei Jahre in Peking. Für eine Firma, die Immobilien entwickelt, kümmerte er sich um die Ansiedlung von Kulturbetrieben.

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Die Arbeit kündigte er, um 2020 eine Weile durch die Welt zu reisen, zum Beispiel nach Europa. Doch das Coronavirus zerschlug diese Pläne. Stattdessen landete er wieder im alten Zuhause in Houli. Saß wieder an dem Küchentisch, an dem er in seiner Kindheit so viele Stunden verbracht hatte.

Dort spürte Reef Chang: Oma und Opa waren zwar älter geworden, aber nicht mehr die Alten. Ob jemand Mitte 70 oder Anfang 80 ist, macht einen Unterschied. Etwas freud- und kraftlos kamen sie ihm vor. Den Waschsalon hielten sie zwar noch am Laufen, doch die Kunden wurden weniger, die Enkel waren aus dem Haus. Aus Sorge vor dem Coronavirus gingen sie ungern vor die Tür, dämmerten in ihrem schummrigen Laden vor sich hin. Er machte sich Sorgen und überlegte, was er für die Großeltern tun könnte.

Der Enkel hat einen Instagram-Geistesblitz

An einem dieser Tage, vielleicht auf einem der zahllosen Wege zur Wohnung durch die Wäscherei im Erdgeschoss, muss es ihm dann aufgefallen sein: In einigen Schränken stapelten sich Textilien, die nie abgeholt worden waren – teils seit Jahrzehnten. Auch viele der Stücke, die unter der Decke hingen, hatten die Besitzer vergessen oder aufgegeben. Hsu und Chang stammen aus einer Zeit, in der auch einfache Kleidung kostbar war, sorgsam gepflegt und gereinigt wurde. Sie waren wohl nie auf die Idee gekommen, die alten Klamotten zu entsorgen.

Ein Glück – denn so kam Reef, der die Social-Media-Vorlieben seiner Generation ebenso versteht wie den Charakter seiner Großeltern, auf die Idee: Oma und Opa modeln mit den vergessenen Kleidungsstücken. Und die Fotos stellen wir auf Instagram. Vielleicht interessiert es jemanden, und zumindest haben wir unseren Spaß. Den Instagram-Kanal nannte er @WantShowAsYoung.

“Alle sollen wissen: Das Alter ist kein Hindernis, Spaß zu haben. Und aus alten Sachen können trendige Outfits werden”, schreib er Ende Juni in seine erste englische Bildunterschrift. Wenige Tage zuvor hatte er das Motto seines Großvaters geteilt: 要動才不會老 “Nur wer in Bewegung bleibt, wird nicht alt.”

Plötzlich berühmt auf Instagram – nicht nur in Taiwan

Und nun nahm die Geschichte der alten Wäscherei in der Westdorfstraße einen Verlauf, mit dem einerseits niemand rechnen konnte – und der andererseits typisch dafür ist, wie Social-Media-Fame funktionieren kann. Originell und authentisch zugleich zu sein – das war hier wohl die Zauberformel.

Zuerst sprach sich der Instagram-Wäscherei-Kanal unter Usern in Taiwan herum, dann wurden einheimische Medien aufmerksam.

Am 12. Juli feierte der Kanal 10.00 Follower, am 23. Juli schon mehr als 100.000.

Nun berichteten auch internationale Medien über die Instagram-Wäscherei aus Taiwan, darunter ganz große Nummern wie die New York Times und die BBC, und die Corona-geplagte Welt wurde aufmerksam auf dieses alte Paar, das ihnen unverhofft positive Vibes brachte. Schnell wurden es mehr als 600.000 Menschen, die ihnen folgten.

Und so überzeugte ich das ARD-Ostasienstudio in Tokio, und die Kollegen dort dann Redakteure vom Weltspiegel, dass Wan-ji und Sho-er auch ins deutsche Programm gehören.

Anfang August fuhren wir nach Houli und verbrachten einen angenehmen Drehtag im Kreis der Familie. Es gab sogar selbst gekochtes Mittagessen.

Der Bericht, geschnitten und getextet von den Kollegen in Tokio (so läuft Aufgabenteilung in Pandemiezeiten), lief dann am 6. September im Weltspiegel in der ARD.

Es gibt so eine Art Director’s Cut

Und jetzt verrate ich Ihnen, liebe Leser, einen der Geheimtipps, für die Sie dieses Blog so lieben: In der ARD-Mediathek steht online ein, verglichen mit der TV-Ausstrahlung und der YouTube-Version, noch längeres Video des Beitrags, das nach hinten raus nicht so unvermittelt endet. (Und es hat sogar ausblendbare deutsche Untertitel, falls Sie es zum unterhaltsamen Deutschlernen verwenden möchten.)

Gern geschehen.

Jetzt lesen: Dieser Taiwaner bringt Anderen etwas Freude – Tag für Tag

In Houli freut Reef Chang sich darüber, dass seine Großeltern ihm jetzt munterer und aufgeweckter vorkommen. Hunderte Nachrichten voller Respekt, Lob und Liebe aus aller Welt haben wohl diesen Effekt.

Die drei haben weiter Spaß. Und sie erweitern ihr Spektrum. Es geht nicht mehr nur um schicke alte Kleidung, sondern zum Beispiel auch darum, wie man “Wan-Sho-Waschsalon” auf Taiwanesisch (nicht Mandarin) ausspricht – mit dem Aufruf an die Follower, ihre eigenen Versuche als Videos einzureichen.

Was bewegt so an dieser Geschichte?

Wenn man durch die Kommentare scrollt, fallen zwei Aussagen immer wieder auf: Menschen fühlen sich an eigene Familienangehörige erinnert, die nicht mehr leben.

Und sie fragen sich, wie man es schafft, über mehr als 60 Jahre eine offensichtlich liebevolle und lebensbejahende Partnerschaft zu führen.

In ihrem jüngsten Video versuchen die beiden, auf diese Frage Antworten zu finden.

Liebe, Erinnerung, Verlust, Glück – das alles rührt natürlich an ganz große, universelle Emotionen.

So gesehen ist es wohl doch kein Wunder, dass ausgerechnet diese kleine Geschichte aus Taiwans Provinz so groß wurde.

Lesen Sie auch meine Gedanken über Taiwans alternde Gesellschaft.

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Klaus Bardenhagen

Klaus Bardenhagen

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