Verantwortungslos oder großartig? Alex Honnold klettert auf das Taipei 101 – ohne Sicherung.
Am Sonntag (25.1.) haben so viele Menschen weltweit sich für Taiwan interessiert, wie es sonst wohl höchstens der Fall ist, wenn China Militärmanöver abhält.
Dieser Anlass war erfreulicher: Der amerikanische Freeclimber Alex Honnold hat es geschafft, ohne Sicherung das Taipei 101 zu erklimmen.
Morgens um kurz nach 9 startete er an der Xinyi Road ganz unten an der Südostecke. Nur gut 90 Minuten stand er sicher oben auf dem ikonischen Wolkenkratzer.
Und zwar ganz oben.
In mehr als 500 Meter Höhe. Nochmal etwa 100 Meter über den Aussichtsplattformen im 89. und 91. Stock.

Ja, wow.
Sicher haben Sie schon davon gehört und auch Bilder gesehen, denn dieses riskante Spektakel hat Netflix veranstaltet und live (mit 10 Sekunden Verzögerung, um sich ausblenden zu können, falls es schiefgegangen wäre) in die ganze Welt gestreamt.
Falls Sie es doch verpasst haben: Hier ein Zusammenschnitt der entscheidenden Momente.
Und hier können Abonnenten den ganzen Mitschnitt sehen.
Der in Taipei stationierte Spiegel-Auslandsredakteur Cornelius Dieckmann hatte im Vorfeld einen schönen Text über das Taipei 101 und das Event geschrieben, der hier steht (wie üblich hinter der Paywall).
„In Taiwans polarisierter Gesellschaft, die sich gegen die Eingliederungsambitionen der Volksrepublik China wehrt, aber zutiefst zerstritten darüber ist, wie das zu schaffen sei, gilt das Taipei 101 als Haus der Einigkeit.“
Es wird ernst
Am Samstagmorgen war der Aufstieg bei Nieselregen und trübem Himmel noch abgesagt und verschoben worden. Am Sonntag herrschten perfekte Bedingungen. Ich sah mir den Beginn des Aufstiegs daheim an und fuhr dann zur MRT Xiangshan, um mit eigenen Augen zu sehen, was da passierte. Mein kleines Fernglas habe ich mitgenommen – das erste Mal, dass ich hier in Taiwan wirklich gute Verwendung dafür hatte.
Gegen die Nackenstarre fand ich eine gemütliche Position.

Es war unwirklich zu sehen, wie Honnold die nicht nur senkrechte, sondern meist sogar überhängende Wand so flott erklomm, als sei er auf einem Spaziergang unterwegs. Extrem beeindruckend.
Es war voll mit Zuschauern, aber nicht überfüllt. Die entspannte, heitere Stimmung hier unten erinnerte mich daran, wie es laut Berichten im Sommer 1995 in Berlin gewesen sein muss, als Christo den Reichstag verhüllt hatte.

Aber was wäre gewesen, wenn…?
Mehr als nur ein Spektakel
Natürlich hätte diese Aktion tödlich enden können. Ein entsprechendes Statement Honnolds hatte Netflix im Vorfeld prominent in den Trailer geschnitten.
Man kann diese Aktion bewundernswert finden oder verantwortungslos. Inspirierend oder unnötig.
Es war ein – kalkuliertes und wohl auch kalkulierbares – Risiko. Nun, nach dem Happy End, wird mögliche Kritik verfliegen, denn so war es unterm Strich ein gigantisch gut gelungener PR-Coup für Taipeh und für Taiwan als Ganzes. Ein Schuss Adrenalin für Taiwan als globale Tourismus-Destination.
„Das Taipei 101 ist für das international isolierte Taiwan auch ein Statussymbol – Ihr Völker der Welt, schaut auf dieses Haus! Seht, wozu wir fähig sind!“
Das hatte ich im Mai 2008 in meinem Blog geschrieben, während meines allerersten Aufenthalts in Taiwan.
(2011 berichtete ich dann noch einmal für den Deutschlandfunk über das Taipei 101, und ca. 2014 sorgte ich dafür, dass ein ARD-Fernsehteam die Fensterputzer bei ihrer Arbeit begleiten konnte. Ausgerechnet den Beitrag habe ich nicht mehr als Video, schade. Damals waren für uns Drohnen in der Nähe des Taipei 101 übrigens ein absolutes No-go…)
Natürlich war die „Free Solo“-Besteigung des Taipei 101 nur möglich, weil Taiwans offizielle Stellen mitgespielt haben – sie hatten sicherlich die Chance gewittert, in einem China-freien Kontext positive Schlagzeilen zu machen.
Taiwans Außenministerium postete noch am selben Tag in einem Glückwunsch an Honnold:
„We are honored to witness this breathtaking feat on our iconic skyline. True courage knows no limits!“
Es ist die Art von Mut, die sich Taiwan angesichts seiner Situation auch selbst einimpfen muss.
Und Clarissa Wei, eine durch ihr nicht politikfreies Kochbuch „Made in Taiwan“ bekannt gewordene Autorin, bemerkte auf Threads:
„This 101/Alex Honnold collab has been one of the smartest tourism moves I’ve ever seen Taiwan make. I’m impressed. Usually it’s like “come to Taiwan and win cash at the airport” or “here’s a cartoon bear.” To be clear: I’m not a fan of this spectacle and how it’s being live-streamed. But I admire how Taiwan saw a good (albeit risky) marketing opportunity and seized it. It’s slightly out of character tbh.“
Freuen wir uns, dass Taiwan endlich mal wieder aus erfreulichen Gründen Schlagzeilen macht. Mehr Aufmerksamkeit, Beachtung und Besucher kann es gut gebrauchen.
Die Nationalflagge vor dem Taipei 101 wurde übrigens auch nicht abgehängt.

In jedem Fall: RESPEKT vor dieser körperlichen und mentalen Leistung, Alex Honnold.


